
Wie das Fräulein „So-La-La“ entdeckt, dass der Zufall die Welt beherrscht
Das Fräulein „So-La-La“ hatte es schon lange geahnt. Ein leichter Stoß, mit dem sie den verstaubten Globus in der Dachkammer des Vaters in Bewegung setzte, beseitigte den letzten Zweifel.
Die Welt drehte sich im Kreis, ohne von der Stelle zu kommen.
Es war wie eine Fahrt mit dem Karussell. Alles wiederholte sich nach einem genau fest gelegten Plan. Die Jahreszeiten, die Geburtstage und Weihnachten. Mit einer einzigen Ausnahme.
Der Zufall fuhr nicht Karussell. Er passierte als einziges aus heiterem Himmel. Weil morgens die Sonne aufging. Weil es nachts dunkel wurde. Weil das Wetter schön war. Oder weil am Himmel Wolken zogen.
Manches ereignete sich, weil es im Kalender stand. Weil es eine Zeitung druckte. Weil es der Programmzettel vorschrieb. Oder weil es einfach an der Zeit war.
Das Allermeiste jedoch geschah, weil es der Zufall so wollte. Er war der wahre König der Welt.
Seine Herrschaft kannte keinen Beginn und kein Ende. Er war auf kein Wohlgefallen angewiesen und auf keine Wiederwahl. Der Zufall war immer im Recht. Er musste niemanden überzeugen und für nichts Rechenschaft ablegen. Kein Gesetz und keine Behörde konnten ihm etwas anhaben. Die Staatsanwälte und Richter mühten sich vergeblich mit ihm ab.
Mit dem bisschen Absicht, das zwischen Himmel und Erde existierte, suchte er keinen Streit. Der größte Anteil daran war ohnedies von ihm gefälscht. Und der Rest lohnte den Aufwand nicht. Sein Terminkalender war zu voll dafür.
Er kümmerte sich um Lottogewinne genauso, wie um Autos, die in einer Kurve schleuderten. Er trug die Verantwortung für Flugzeuge, die ohne Vorwarnung vom Himmel stürzten oder Schiffbrüchige, die im letzten Augenblick gerettet wurden.
ein Einsatz blieb stets vorbildlich. Mit dem gleichen Fleiß, mit dem er ein Leben rettete, verschleuderte er ein anderes.
Der Zufall hatte immer zu tun. Sein Arbeitstag dauerte vierundzwanzig Stunden. Er nahm sich kein Wochenende frei und fuhr niemals in den Urlaub.
Daher war es allzu verständlich, dass ihm einmal ein Irrtum unterlief, dachte sich das Fräulein „So-La-La“.
Ihrem Leben haftete nämlich gar nichts Unvorhersehbares an. Der Zufall hatte schlichtweg auf sie vergessen.
Was ihr widerfuhr, geschah nicht zufällig, sondern zu ihrem Besten. In ihrem Tagesablauf gab es für alles eine Regel und einen Plan.
Mit dem Zufall wäre kein Spaß zu treiben, scheute die Mutter keine Mühe, um ihre Tochter von ihm fernzuhalten.
Sie brandmarkte seinen launenhaften Charakter, der die Sorglosigkeit der Opfer zum eigenen Vergnügen auskostete. Der Zufall würde nicht zwischen Gut und Böse unterscheiden. Die einzige Vorliebe, die er bei seiner Beute erkennen ließe, wäre der Leichtsinn.
Jedes aufgeschlagene Knie, jede blutende Lippe und jede Beule am Kopf rechnete sie seinem schlechten Einfluss an.
„Die Geschenke, die er verteilt, sind teuer verzinst.“, warnte sie unermüdlich vor den Tücken seiner Verlockungen.
Überall sah sie Gefahren, die der Zufall zu seinem Vorteil ausnutzte.
Die Schaukel auf dem Spielplatz war kein harmloser Freizeitspaß, sondern ein Apparat, der dazu diente, leichtsinnigen Mädchen das Genick zu brechen. In jedem Planschbecken lauerte ein qualvoller Ertrinkungstod auf sein zufälliges Opfer.
Wagte es das Fräulein „So-La-La“ ihren Fuß in eine Sandkiste zu setzen, landete sie umgehend in der Badewanne, um den Krankheiten vorzubeugen, die der Zufall dort hinterlassen hatte.
it gleichem Argwohn begegnete die Mutter Regenpfützen, Springschnüren und Tretrollern. Was nur immer in den Verdacht geriet, dem Zufall in die Hände zu spielen, durfte auf keinen Pardon hoffen.
So fielen die meisten Bäume im Garten hinter dem Haus der Motorsäge zum Opfer, noch ehe das Fräulein „So-La-La“ den Versuch unternehmen konnte, sich an einem der Äste hoch zu schwingen. Als sie einen Stuhl ans Fenster rückte, um den Sonnenuntergang zu beobachten, verbarrikadierte die Mutter die Aussicht durch ein Eisengitter.
„Es geschieht alles zu deinem Besten.“, begründete sie ihre Fürsorge.
Der Zufall beobachtete das seltsame Geschehen aus sicherem Abstand, ohne sich an den Feindseligkeiten, die ihm die Mutter entgegenbrachte, zu kränken. Er wusste um seinen langen Atem.
Die Welt rollte auf einer schiefen Bahn. Und sie rollte ihm entgegen.
Je weiter der Bogen wurde, den die Mutter um ihn schlug, desto enger zog der Zufall die Schlinge. Es war bloß eine Frage der Zeit, bis er zu seinem Recht gelangte. Mahnungen gab es zuhauf.
„Man müsste nur die Zeitungen aufschlagen, um seine Macht zu erfahren.“, schulmeisterten die hochgezogenen Augenbrauen.
„Die besten Absichten beschwören die schlimmsten Zufällen herauf.“, prophezeiten die gestreckten Zeigefinger.
„Niemand würde die Friedhöfe und Kinderwägen erfolgreicher bestücken als er.“, meldeten sich die mitleidigen Stimmen zu Wort. Die Mutter stellte sich mit breiter Brust dagegen.
„Nie und nimmer würde der Zufall einen Fuß über die Schwelle ihres Hauses setzen.“ knurrte sie kampfeslustig.
Ihre großspurige Ankündigung sorgte für heiteres Getuschel.
ür einen solchen Kampf täte ihr mehr Fleisch auf den Rippen gut.“, höhnten die hochgezogenen Augenbrauen.
„So dick könnte sie gar nicht werden, um dem Zufall den Weg zu versperren.“, lachten die gestreckten Zeigefinger.
„Einen fetten Wurm fräße ein Vogel noch lieber als einen mageren.“, lästerten die mitleidigen Stimmen.
Während sich die Welt das Maul zerriss, zweifelte das Fräulein „So-La-La“ nicht im Geringsten am Vorhaben ihrer Mutter.
Wer jeden Morgen mit purer Muskelkraft die Sonne über den Horizont am Himmel hochzog, konnte auch dem Zufall die Stirn bieten.
Die Mutter machte sich unverzüglich ans Werk, das Bollwerk gegen ihn zu errichten. Ihre Zuversicht brauchte kein Wunder. An dem Verbündeten, der ihr zur Seite stand, würden alle Sturmläufe des Zufalls wirkungslos abprallen, verkündete sie siegessicher.
Voller Stolz präsentierte sie ihrer Tochter die jüngste Anschaffung. Es war ein Terminkalender. Seiner Macht hätte der Zufall nichts entgegen zu setzen, war die Mutter überzeugt, ein wirksames Mittel gegen den Zufall gefunden zu haben.
Die ersten Tage verliefen wie sie es vorhergesagt hatte. Zu welcher Tages- und Nachtzeit der Zufall versuchte, ihm Haus Fuß zu fassen. Stets schnappte ihm ein Termin die bereits sicher geglaubte Beute vor der Nase weg.
Nach mehreren Niederlagen räumte er kleinlaut das Feld. Der Terminkalender hatte seine Feuerprobe mit Bravour bestanden. Fortan bestimmte er jede Minute im Tagesablauf des Fräulein „So-La-La“. Unter seiner Herrschaft war ihr Dasein nicht länger ein unbekümmertes Durcheinander. Es vollzog sich im Takt eines unbarmherzigen Trommelschlages.
Die Mutter betrieb ihre Planungen mit der Präzision einer Schweizer Uhr. Jede Minute war Maßarbeit.
ür das Fräulein „So-La-La“ begann ein Leben ohne Pausen. Von früh bis spät reihte sich Termin an Termin. Die spärlichen Lücken zwischen Ballettstunden und Klavierunterricht füllten sich mit Mal- und Sportkursen.
Der Anfang übertraf alle Erwartungen. Die Anstrengungen der Mutter machten sich rasch bezahlt. Bereits nach wenigen Monaten hingen die Wände im Haus voll mit Diplomen und Urkunden.
Die Ballettschule feierte das Fräulein „So-La-La“ als aufstrebende Ballerina. In Musikerkreisen wurde ein angehendes Klaviergenie beklatscht. Riesige Blechpokale in gläsernen Vitrinen bezeugten ihre sportlichen Höchstleistungen.
Die Triumphe stachelte den Ehrgeiz der Mutter weiter an. Als sie den Unterricht bis tief in die Abendstunden ausdehnte, platzte dem Vater der Kragen.
Ihr übertriebener Kampf gegen den Zufall, würde sie dem Gespött der gesamten Nachbarschaft ausliefern, stellte er die Mutter zur Rede.
Das Mitleid mit seiner von Terminen gequälten Tochter ließ ihn jede Vorsicht vergessen. In Todesverachtung wählte er das schärfste Mittel des Protests. Er streckte seinen rechten Zeigefinger aus und tippte ihn heftig gegen die Stirn.
Im selben Augenblick fand er sich im Auge eines wütenden Orkans wieder. Die Sturmfront, die sich über seinem Kopf entlud, war kein übliches Donnergrollen. Eine nie dagewesene Sintflut spülte ihn aus der Küche.
Mit überschlagender Stimme schrie sich die Mutter das Entsetzen über seine Verantwortungslosigkeit von der Seele.
Die Posaunen des Weltunterganges, den sie in Begleitung des Zufalls heraufbeschwor, bliesen mit einer Heftigkeit, dass der Boden bebte und das Geschirr in den Regalen schepperte.
Reumütig gelobte der Vater Besserung. Zur Wiedergutmachung flüchtete er sich in ein wochenlanges Schweigegelübde.
ndere hatten weniger Glück. Ohne Erbarmen wüteten die mütterlichen Posaunen unter allen Mahnern, bis die letzte Stimme der Vernunft verstummt war.Das Fräulein „So-La-La“ tanzte und flötete. Sie turnte und malte.
Ihre Termine zogen sich von morgens bis abends über sieben Tage die Woche. Der Terminkalender der Mutter kannte keine Feiertage und kein Mitleid.
Wochenlang herrschte gespannte Ruhe. Der Zufall stand auf verlorenem Posten. Mit leichter Hand eilte die Mutter von Erfolg zu Erfolg. Im Siegesrausch überfiel sie der Übermut.
„Die Macht des Zufalls wäre überschätzt.“, prahlte sie mit Blick auf den minutiös geplanten Tagesablauf des Fräulein „So-La-La“.
Und weil sie alle warnenden Stimmen zum Verstummen gebracht hatte, fand sich niemand, der ihr ins Wort fiel, als sie lautstark ihren Sieg über den Zufall verkündete.
„Meine Tochter hat keinen Termin für ihn frei.“, höhnte sie.
Der Zufall mochte blind sein. Aber er besaß feine Ohren, mit denen er den Flügelschlag eines Schmetterlings kilometerweit hörte. In der Lautstärke einer Posaune über ihn zu lästern, war keine gute Idee. Er erweckte seine Kampfeslust.
Die Mutter ahnte nichts von der Katastrophe, die sich hinter ihrem Rücken anbahnte. Mit nachlassender Wachsamkeit feierte sie ihre Siege, die keine waren.
Der Blick in den randvoll gefüllten Terminkalender warf, erfüllte sie mit tiefer Genugtuung. Nirgendwo klaffte eine freie Minute, in die der Zufall einfallen konnte.
An dem Tag, an dem ihr mühsam errichtetes Bollwerk , zusammenbrach, brauchte es keine Sturmleitern. Der Zufall stolzierte ohne die geringste Anstrengung ins Haus. Eine winzige Briefmarke hatte sie ihm geöffnet. Die Post vereinbarte keine Termine. Sie stellte alle Pakete zu, die ausreichend frankiert und richtig adressiert waren.
ine kleine Nachlässigkeit leitete ohne Absicht die Niederlage der Mutter ein. Der Vater hatte der Versuchung nicht widerstehen können, im Namen seiner Tochter an einem Gewinnspiel teilzunehmen.
Es war nicht geplant, dass ihr der Hauptpreis zugelost wurde. Niemand hatte es beabsichtigt. Der Zufall machte das Fräulein „So-La-La“ zur stolzen Besitzerin eines nagelneuen Fahrrades.
Die Mutter traf beinahe der Schlag, als der Paketzusteller an der Tür läutete und den rosaroten Mädchentraum frei Haus ins Vorzimmer lieferte. Ihre Reden und Predigten, mit denen die Bösartigkeit des Zufalls angeprangert hatte, waren mit einem Schlag widerlegt.
Als Lügnerin entlarvt, jagte sie den Postboten ohne Trinkgeld aus der Tür.
Der Posaunendonner, der sich in ihrem Gesicht zusammenbraute, entlud sich Minuten später hinter der geschlossenen Tür des Schlafzimmers. Um Gnade winselnd schwor der Vater, jedwede Preisausschreiben und Glücksspiele fortan zu meiden. Seine Reue kam zu spät.
Einmal im Haus begann sich der Zufall gemütlich in seiner neuen Bleibe einzurichten.
Stück für Stück eroberte er das verlorene Terrain, das ihm die Mutter mit Hilfe des Terminkalenders abgerungen hatte, zurück.
Eine Woche nach der ersten Begegnung mit dem Zufall stolperte das Fräulein „So-La-La“ am Straßenrand über eine dicke Brieftasche. Der rechtmäßige Eigentümer stellte sich zum Schrecken der Mutter als Besitzer eines Eissalons vor.
Neben einem fetten Finderlohn spendierte er dem Fräulein „So-La-La“ einen Sommer lang jeden Tag einen Eisbecher nach freier Wahl. Der Zufall wollte es so.
Wenig später stolperte das Fräulein „So-La-La“ bei einem Spaziergang im Wald über eine Wurzel.
opfüber stürzte sie zu Boden. Aber anstatt sich an einem scharfen Stein die Nase zu brechen oder ihre Knie blutig zu schlagen, landete sie an einer mit dickem Moos bewachsenen Stelle.
Unversehrt rappelte sie sich hoch und hielt ihrer Mutter ein vierblättriges Kleeblatt ins Gesicht, das sie bei ihrem Sturz entdeckt hatte.
Mit solchen und anderen kleinen Gesten legte der Zufall den Grundstein für den Beginn einer großen Freundschaft.
Der neue Hausgast stieß bei ihrem Vater auf anfängliches Wohlwohlen. Es war seiner Hilfe zu verdanken, dass sich der aus allen Nähten platzenden Terminkalender des Fräulein „So-La-La“ langsam leerte.
Als erstes widerfuhr ihrer vielversprechenden Musikkarriere ein jähes Ende. Ein Glas Himbeersirup, das sich zufällig über die Klaviertasten ergoss, sorgte für die erste Lücke in ihrem Kalender. Die Reparatur des empfindlichen Instrumentes verschlang eine Riesensumme. Worauf der Musiklehrer zur Erleichterung des Vaters die Fortsetzung des Unterrichts verweigerte.
Für die Mutter hatte die Niederlage ein kostspieliges Nachspiel. Sie nahm aus Kummer über die erlittene Schmach zehn Kilo an Lebendgewicht ab und musste ihre gesamte Garderobe tauschen.
Die Ballettlaufbahn des Fräulein „So-La-La“ wurde das nächste Opfer der unglückseligen Serie. Aus purem Zufall zertrümmerte sich die Ballettlehrerin, beim Versuch eine Pirouette vorzutanzen, den Knöchel.
Der Vorwurf, das Fräulein „So-La-La“ hätte ihr absichtlich ein Bein gestellt, ließ sich zum Glück nicht zu erhärten. Trotzdem erklärte sich der Vater bereit, der Tanzlehrerin einen namhaften Betrag für ihr Schweigen auszuzahlen. Dazu addierten sich die Ausgaben für die neuerliche Einkleidung der nunmehr spindeldürren Mutter.
urch solche und ähnliche Vorfälle leerte sich der Terminkalender des Fräulein „So-La-La“ in atemberaubender Geschwindigkeit. Bald füllten die weißen Lücken ganze Kalenderseiten.
„Ich will nur das Beste für sie.“, jammerte die bis auf die Knochen abgemagerte Mutter nachts die Schlafzimmerdecke an.
Ihre Klagen blieben ungehört. Die Liste der Katastrophen wurde mit jedem Tag länger. Der Kampf gegen den Zufall ging an allen Fronten verloren.
Der Turnunterricht musste abgebrochen werden, da der Trainer über die zufällig zusammengebundenen Schnürsenkel seiner Schuhe stolperte und sich beide Beine brach.
Der Zeichenkurs endete nicht minder tragisch. Der zittrige Pinselstrich des Zeichenlehrers führte der entsetzten Mutter vor Augen, dass seine Kunst mehr den vollen Weinflaschen als leeren Leinwänden zugewandt war.
Auf dem Höhepunkt der Unglücksserie brannte die Halle ab, in welcher das Fräulein „So-La-La“ für Tennisstunden eingeschrieben war.
Der Zufall leistete ganze Arbeit. Bald war der Terminkalender der Mutter nur noch ein Schatten seiner selbst.
Während das Fräulein „So-La-La“ die unbeschwerten Tage genoss, blieb die Mutter blind für die Warnungen, den Fingerzeig des Schicksals ernst zu nehmen.
Verzweifelt mühte sie sich ab, die Löcher im Terminkalender mit neuen Aufgaben zu stopfen. Unermüdlich telefonierte sie mit Kinderakademien, Talenteschmieden und Sportvereinen. Aller Mühen zum Trotz breiteten sich die weißen Lücken im Kalender wie eine Seuche weiter aus.
Kein Tag verging, ohne dass der Zufall eine neue Bresche in den minutiös geplanten Tagesablauf ihrer Tochter schlug. Nach wochenlangem Ringen blieb der tägliche Besuch bei der Großmutter als einziger Termin im Kalender übrig, der sich gegen die Attacken des Zufalls erfolgreich zur Wehr setzte.
uf dem Höhepunkt der Krise rief die Mutter am Küchentisch eine Familienkonferenz ein. Sie übernahm den Vorsitz. Der Vater war für das zustimmende Kopfnicken zuständig. Das Fräulein „So-La-La“ saß als stumme Zeugin in ihrer Mitte. Zur Ablenkung drückte ihr die Mutter ein Bilderbuch in die Hand.
Bei Kaffee und Kuchen wurde beraten, mit welchen Maßnahmen die drohende Schlappe abzuwenden war.
Anhand der weißen Lücken im Terminkalender schilderte die Mutter die Gefahrenlage. Das Bollwerk gegen den Zufall bröckelte an allen Ecken und Enden. Ihren Niederlagen zum Trotz signalisierte die Mutter keinerlei Bereitschaft, die Aussichtslosigkeit ihres Kampfes einzugestehen.
„Der Zufall verleitet zu Müßiggang und Faulenzerei.“, eröffnete sie die Feindseligkeiten und nippte an ihrer Tasse.
Der Vater nickte eilfertig und biss ein Stück vom Kuchen ab.
„Das Leben ist zu kurz, um es dem Zufall zu überlassen.“, brachte die Mutter die zweite Angriffswelle ins Rollen.
Abermals wackelte der Kopf des Vaters willfährig auf und ab.
Der Zufall steckte die Schläge der Mutter geduldig ein. Es wäre ihm ein Leichtes gewesen, sich in den Vorteil zu bringen.
Ein kurzer Anruf, der den Vater zu einem Notfall ins Büro befahl, hätte schon gereicht, die Entscheidung zu seinen Gunsten zu bringen. Gleiches Unheil hätte auch die unangekündigte Lieferung der letzten Schuhbestellung der Mutter gestiftet.
„Du hast nichts als deine Arbeit im Kopf.“, hätte die Mutter getobt und ihre Kanonen auf den ins Büro eilenden Vater gerichtet.
„Haben wir nicht schon genug Rechnungen im Haus?“, wäre der Vater angesichts der Größe der Paketlieferung explodiert.
chts von alldem geschah. Der Zufall rührte keinen Finger. Ohne Gegenwehr ertrug er die Anschuldigungen.
Der Groll über die weißen Lücken im Terminkalender des Fräulein „So-La-La“ stachelte die Mutter zu einem verhängnisvollen Frontalangriff an.
„Ich wäre nicht geworden, was ich bin, wenn ich mich dem Zufall anvertraut hätte.“, donnerte sie siegesgewiss und schlug mit der Faust auf den Tisch.
Der Vater beeilte sich, es ihr gleich zu tun.
Das Fräulein „So-La-La“ bekam von der ernsten Unterhaltung am Tisch nichts mit. Sie war völlig in ihrem Bilderbuch vertieft. Es handelte von einer Mehrjungfrau, die sich gegen allerlei Gefahren behaupten musste.
Die Begeisterung an ihren Abenteuern löste einen leichten Kitzel auf ihrer Zunge aus. Der verrückte Clown in ihrem Mund packte die Gelegenheit beim Schopf.
„Ich wlil acuh enie „Mher-Jnugs-Faru“ sien.“, platzte es unvermittelt aus ihr heraus.
Der Vater erschrak über das Gehörte derart, dass er seinen Kuchen ausspuckte. Der Mutter fiel im Schock die Kaffeetasse aus der Hand.
Der Zufall blinzelte ihr schadenfroh ins Gesicht. Eindrucksvoll hatte er ihr die Überlegenheit seiner Natur vor Augen geführt.
Die aus der Tasse schwappende Kaffeebrühe ergoss sich über den Terminkalender. Die schwarze Flut riss einen ganzen Wochenplan ins Verderben. Mit hochrotem Kopf verließ die Mutter fluchtartig das Schlachtfeld.
Der Zufall blickte zufrieden auf das Geschehen, das sich vor ihm abspielte. Eine übermütige Zunge hatte ihm einen großartigen Sieg beschert.
Der Versprecher des Fräulein „So-La-La“ besiegelte das vorzeitige Ende der Konferenz. Es wurden keine Beschlüsse gefasst. Niemand hielt eine Abschlussrede. Man einigte sich darauf, dass sie nie stattgefunden hatte.
Die Mutter heulte nachts das Bettkissen nass. Der Vater drückte ihre Hand und starrte zur Decke hoch. Im Schlafzimmer herrschte stockdunkle Nacht. Die Fenster waren verriegelt und die Vorhänge zugezogen. Der Schlüssel in der Tür steckte umgedreht im Schloss. Sie führten ein langes Gespräch.
„Diese Schande ertrage ich nicht.“, bemitleidete sich die Mutter in ihrem Unglück. Der Vorfall am Tisch hatte sie bis in die tiefsten Stelle ihrer Seele erschüttert.
Der Gedanke, von der eigenen Tochter für eine Mehr-Jungs-Frau gehalten zu werden, war ihr unerträglich. Ihr letzter Blick galt dem neuen Terminkalender, der auf dem Nachtkästchen zum Gegenangriff bereit lag.
„Keine freie Minute soll er mehr darin finden, um ein kleines Mädchen ins Unglück zu stoßen.“, schwor sie ihrem Gegner finstere Rache.
Zwischenspiel
Mein nächtlicher Besuch blickte mich von der Bettkante mit ernster Miene an.
„Manchmal sucht man den Feind an der falschen Stelle.“, sagte sie.
„Dann verliert man den wahren Gegner aus dem Auge.“
„Der Mutter blieb keine andere Wahl.“, antwortete ich.
Es fiel mir schwer, die Wahrheit einzugestehen. Im Rückblick bedauerte ich den Kummer, den ich ihr bereitet hatte. Ich war es, der sie angestachelt hatte, dem Zufall die Stirn zu bieten. Meine Hand auf der Tastatur hatte dem Fräulein „So-La-La“ den verhängnisvollen Satz in den Mund gelegt. Ich hielt ihn für einen gelungenen Scherz. Die Konsequenzen waren für mich bei nicht absehbar, als ich ihn niederschrieb.
Endlose Stunden hatte ich über ich den Fortgang der Geschichte gebrütet. Mehrmals war ich versucht gewesen, die Löschtaste zu drücken. Aber meine Reue kam zu spät. Der rote Faden, der sich durch jede Geschichte zieht, führte unbarmherzig seine Regie. Es gab kein Zurück mehr. Ich hatte ein Unglück heraufbeschworen, das sich nicht mehr aufhalten ließ.
Die Geschichte, die an meiner Bettkante saß, ließ sich nicht anmerken, ob sie mir meine Leichtfertigkeit nachtrug.
Es lagen nur noch wenige Zeichnungen in der Mappe. Sie griff nach einem Blatt.
„Manchmal braucht es den Schmerz, damit etwas Größeres entstehen kann.“, sagte sie.
In ihrer Stimme schwang keine Bitterkeit. Ihre Worte nahmen mir die Last fort, die seit den Tagen, als ich mich auf die Seite des Zufalls schlug, auf meiner Seele lastete.
