Das Zirkuskind – 04

Wie das Fräulein „So-La-La“ ihren wahren Feind entdeckt

<Ich hsase miene Znuge.,  beklagte sich das Fräulein „So-La-La“   bei der Großmutter über den  Tunichtgut in ihrem Mund. <Deises Beist  stßöt alle Wröter um.>
Oma Rosa bildete den Mittelpunkt der Familie. Sie war älter als alles andere auf der Welt. Denn niemand konnte sich an eine Zeit ohne sie erinnern.   
Mit ihren unzähligen Falten im Gesicht erinnerte die Großmutter an einen Apfel, der vor langer Zeit vom Baum gefallen war. Sie war rund gewachsen wie eine mächtige  Eiche. Der Kopf, der ihre imposante Erscheinung krönte, hing von morgens bis abends in  einer kleinen Wolke. Die Rauchschwaden, die ihr Gesicht mit einem milchigen Schleier verhüllten, hatten nichts mit dem Wetter zu tun. Sie stammten von den dicken Zigarren, an denen sie unentwegt paffte.
Sprechen zu lernen ist ein großes Abenteuer.>, sprach die Großmutter dem verstörten Mädchen Mut zu. <Dabei begegnet man den seltsamsten Wörtern, von denen noch nie jemand gehört hat. Manche von ihnen schlagen einen schrecklichen Lärm. Andere sehen ungeheuerlich aus. Da kann es schon einmal vorkommen, dass sich die Zunge wie ein störrischer Esel benimmt. Am besten ist es, darüber zu lachen, wenn sie Unsinn stiftet  und Purzelbäume schlägt. Es dauert nicht lange, bis sie ganz von selbst in die ernsten Töne findet. Dann wirst du dich manchmal Dinge sagen hören, die dich erschrecken lassen, wenn du im Bett liegst und darüber nachdenkst. Vielleicht wünscht du dir in diesen Nächten die Zeit zurück, in der sie ein harmloses Zirkuskind war und dir lustige Streiche spielte.>
Das Fräulein „So-La-La“ brach in Tränen aus. Sie hatte nichts weniger im Sinn, als mit einem Zirkusclown zu leben, der sie zum Gespött der ganzen Welt machte.
<Ich wlil kien Zrikusknid sein.>, verschaffte sie ihren Unmut Luft.
Ihr Kopf war zum Platzen voll mit den wundersamsten Geschichten. Alle Wörter saßen an ihrem Platz wie von einem Buchdrucker gesetzt. Die Sätze waren bis ins letzte Glied herausgedrechselt.     
Aber sobald sie  sich der Zunge anvertrauten, verklumpten sie  zu einem unverständlichen Krawall, der jedes menschliche Ohr beleidigte.
Der Ärger über den Tunichtgut in ihrem Mund duldete keinen Aufschub mehr.
Sie verschaffte ihrer aufgestauten Wut Luft und biss sich mit den Zähnen auf die Zunge.
<Aua.>, schrie die Zunge  im korrekten Wortlaut auf.
<Gescheiht dem verrcükten Beist rceht.>, krächzte das Fräulein „So-La-La“.
Ihr war zum Lachen und Weinen. Es tat höllisch weh, sich auf die Zunge zu beißen.
Oma Rosa benötigte ihre ganze Überredungskunst, um weiteres Blutvergießen zu vermeiden.
<Wenn du Deine Zunge in die Schranken weisen willst, musst du zuerst lernen, die Angst vor ihr zu zähmen.>, ermahnte sie ihre heulende Enkelin.  
Die Worte trafen das Fräulein „So-La-La“ bis ins Mark. Plötzlich war sie kein kleines Mädchen mehr, das gegen ihr Stottern ankämpfte. Im Stillen hatte sie schon begonnen, sich mit dem durchgedrehten Zirkusclown in ihrem Mund abzufinden. Nun hatte ihr Oma Rosa den Blick auf den wahren Feind geöffnet. Wie sollte es ihr gelingen, gegen einen Gegner zu bestehen, der die Mutigsten in die Knie zwang?
Die Angst war eine tausendarmige Krake. Unersättlich streckte sie die Fänge nach ihrer Beute aus. Ihre Fallen waren überall. Einmal lauerte sie in einer dunklen Ecke auf ihr Opfer. Ein anderes Mal lachte sie es bei einem Blick in die Tiefe an oder sprang es bei dem Gedanken  an eine ungewisse Zukunft an. 
Die Angst kannte alle Verstecke und Zufluchten.  Sie war ein Meister der Maskerade.  Für jeden, dem sie nachstellte, verstand sie es, sich neu einzukleiden.
Der Schlaf war ihr liebstes Jagdgebiet. In den Träumen war auch der schärfste Verstand ihrer Folter wehrlos ausgeliefert. Die Unglücklichen, die es traf, verwandelten sich bis zum Morgengrauen in blasse Gespenster, denen  alle Zuversicht verloren ging.
Die Angst genoss das Elend, das sie auslöste und weidete sich an ihrer Unsichtbarkeit. Wer in ihre Gesellschaft geriet, blieb auf sich allein gestellt. Es existierte keinerlei Handhabe gegen sie. Man konnte sie nicht anzeigen oder von der Polizei verhaften lassen. Sie beugte  sich keinem  Richterspruch. Schon gar nicht ließ sie sich hinter Gitter sperren.
Das Fräulein „So-La-La“ spürte, wie eine eisige Hand in ihren Nacken griff und sie in ein dunkles Loch zog.  
Die Großmutter hatte ihr den wahren Feind gezeigt. Es war nicht der verrückte Clown in ihrem Mund.  Es war die Angst vor ihm. Unter ihren Füßen tat sich ein bodenloser Abgrund auf. Ihre Augenlider flatterten wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen auf und ab.
Aus der Tiefe erklang der höhnische Chor der hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefinger und mitleidigen Stimmen.
Es genügte der Angst nicht mehr, sie im Schlaf heimzusuchen. Sie quälte ihren Verstand auch am helllichten Tag. Mit der Verzweiflung eines Ertrinkenden, der ein letztes Mal zum Himmel hoch blickt, bevor die Wellen über ihn zusammenschlagen, streckte sie die Arme in die Höhe. 
<Willst du mir die Augen auskratzen?>,  übertönte die entsetzte Stimme der Großmutter den lachenden Chor ihrer Spötter.
Erleichtert schlang das Fräulein „So-La-La“ die Arme um den Hals der Großmutter. Sofort löste sich der Spuk in ihrem Kopf in Luft auf. Mit ihm verstummte auch der spöttische Singsang der hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefinger und mitleidigen Stimmen. Er wurde vom Glockenschlag einer mächtigen Kathedrale übertönt. Es war das Herz, das in der Brust ihrer Großmutter schlug. Sie mochte einen krummen Rücken und schwere Beine haben. Aber ihr Verstand arbeitete immer noch mit der Schärfe eines Rasiermessers. 
<Die Angst besitzt keine Zähne, mit denen sie zubeißen kann.“ Und es wachsen ihr keine Klauen, um zu kratzen.>, wies sie den Jäger, der das Fräulein „So-La-La“ verfolgte, in seine Schranken.
<Die Angst vermag ihre Opfer nur mit dem Schatten zu erschrecken, den sie wirft. Im Licht erweist sie sich meist als jämmerlicher Zwerg, der  niemandem ein Haar zu krümmen vermag. Weil sie um die  Lächerlichkeit ihrer Gestalt weiß, hält sie sich im Dunkeln verborgen.>
Das Fräulein „So-La-La“ ballte die rechte Hand zur Faust und richtete sie drohend gegen ihr eigenes Gesicht.
<Zieg dcih,  du  hniterlsitiger Gfitschalnge.>, forderte sie ihren Peiniger heraus.  
Die Antwort des Clowns, der in ihrem Mund sein Unwesen trieb, ließ nicht lange auf sich warten. Unmissverständlich sandte er seiner Herausforderin die Botschaft, dass er keinesfalls bereit war, aus dem Schatten zu treten.
Mit gewohnter Boshaftigkeit schleuderte die Zunge den Satz in wilden Pirouetten zwischen den Zahnreihen herum, bis er sein kurzes Dasein in einem hilflosen Gestammel aushauchte.
Oma Rosa lächelte milde.
<Die Angst zu zähmen, gelingt niemandem auf den ersten Versuch.>,  tröstete sie die geschlagene Boxerin an ihrer Seite. Eine dicke Wolke stieg aus ihrem Mund.  Das Wohnzimmer versank in einem rauchigen Nebel.

Zwischenspiel

Die Stimme in meinem Kopf rief eine Erinnerung in mir wach. Die Geschichte, die an meiner Bettkante saß, lächelte, als könnte sie in meinen Gedanken lesen wie in einem offenen Buch.
<Gegen einen störrischen Geist hilft keine Faust.>, sagte sie. Dabei streckte sich ihr Schatten bis zur Decke hoch. Vor meinen Augen verwandelte sie sich in ein Zirkuskind, das ungestüm nach allen Seiten ausschlug.  
Ich hielt den Atem an. Der Spuk an meinem Bett fühlte sich lebendig an, als würde er jeden Augenblick damit beginnen, mein Bett in Trümmer zu schlagen. Ängstlich zog ich die Decke über meinen Kopf.