Das Zirkuskind – 01

Mein Kopf erfindet Geschichten, seit ich mich erinnern kann, und ich erinnere mich ein halbes Menschenleben lang zurück.
Die hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefinger und mitleidigen Stimmen unter den Kritikern werden vergeblich nach ihnen suchen. Sie liegen in dunklen Schubladen begraben. Alle bis auf eine.
Vor einigen Nächten tauchte sie plötzlich in meinem Schlafzimmer auf. Der Mond stand hoch am Himmel, als sie sich an meine Bettkante setzte. Man sah ihr deutlich an, dass sie älter geworden war. Auch Geschichten altern mit der Zeit. 
Obwohl zwischen unserer letzten Begegnung ungezählte Jahre lagen, erkannte ich das Zirkuskind in ihr sofort wieder. Ihre sanfte Stimme flüsterte mich aus dem Schlaf wie eine vertraute Melodie.
Nicht viele wissen von ihr. Meine Tochter war der einzige Ohrenzeuge, wenn ich an langen Winterabenden von ihr erzählte. 
Inzwischen ist viel Zeit vergangen. Das kleine Mädchen ist ihren Kinderschuhen entwachsen. Das Zimmer, in dem ich sie in den Schlaf flüsterte, ist leergeräumt. 
Mit ihrem Weggang verstummte auch die Geschichte, die ich für sie erdacht hatte. Lange glaubte ich sie vom Äther der Welt verschluckt. Bis ein heftiger Windstoß die Gardinen des offenen Fensters hochwirbelte und sie in meinem Kopf wieder lebendig wurde.
<Wie geht es dir?>,fragte die Geschichte.
Ich blickte sie mit großen Augen an. Es überraschte mich, sie nach so langer Zeit wieder zu sehen.
<Es ist viel passiert, seit dich der Wind fortgetragen hat.>, antwortete ich verdutzt.
Ich dachte an meine Tochter, die inzwischen ihr eigenes Leben lebte.
<Das passiert, wenn die Zeit vergeht.>, antwortete die Geschichte.
Mehr sagte sie nicht. Der Lauf der Dinge lässt sich nicht mit Worten zurückdrehen. Was geschehen ist, ist geschehen.
Bevor ich mich weiter auf die Unterhaltung einließ, zwickte ich mir in die Wange, um sicherzugehen, nicht dem üblen Scherz eines Traumes auf den Leim zu gehen. Der Schmerz beruhigte mich. Es passierte tatsächlich. Ich unterhielt mich mit einer Geschichte, die an meiner Bettkante saß.
<Warum bist du zurückgekommen?>, fragte ich sie.
<Ich habe eine lange Reise hinter mir. Es ist an der Zeit, das letzte Kapitel aufzuschlagen.>, antwortete die Geschichte.
Es fiel mir schwer, meine Verwunderung vor ihr zu verbergen. Ich war überzeugt gewesen, die Geschichte zu Ende erzählt zu haben.
<Wie soll das gehen?>, fragte ich.
Mein Gedanken schweiften zu meinem Schreibtisch ab. Er war schon lange verwaist. Ich hatte seit Jahren keine Zeile mehr in die Computertastatur getippt.
<Du musst keine Angst haben.>, wischte sie meine Bedenken zur Seite. <Auf meiner Reise habe ich den Zauber gelernt, der alle Geschichten erzählt.>
In dieser Nacht fand ich keinen Schlaf mehr. Im Zimmer herrschte Totensille. Auf der Straße vor dem Haus regte sich kein Laut.  Der Wind, der sonst ungeduldig durch die Bäume rauschte, hielt still. Selbst das Ticken des Weckers verstummte, um einer Geschichte zu lauschen, die nachts aus den Wolken in mein Schlafzimmer gestiegen war.
Vor meinen Augen wurden Bilder und Begebenheiten lebendig, die ich längst vergessen hatte. Ob sie in allen Einzelheiten meiner eigenen Erinnerungen  entsprachen oder sie mir eine Stimme in dieser Nacht ins Ohr flüsterte, vermag ich nicht zu sagen. Aber die Fantasie in meinem Kopf hätte niemals ausgereicht, mir all das selbst auszudenken.
Die nachfolgenden Seiten sind nicht gedacht, die hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefinger und mitleidigen Stimmen davon zu überzeugen, dass sich wirklich alles so zugetragen hat. Ich habe sie für alle anderen zu Papier gebracht.
Für alle, die nachts wach liegen und sich in die Zeit zurück wünschen, in der ihre Zunge ein Zirkusclown sein durfte.
Für alle, deren Mutter jeden Morgen die Welt zum Strahlen bringt. Für alle, die einen Vater haben, der für die wichtigsten Schraubarbeiten der Welt zuständig ist.
Für alle, bei denen die wahre Natur der Großmutter anders ist, als es auf den ersten Blick erscheint. Für alle, die eine solche Mutter, Vater oder Großmutter werden wollen. Für alle, die bei einem Blick in den Spiegel dem schlimmsten aller Feinde begegnet sind. Für alle, die ihn bezwungen haben.
Für alle, die davon träumen, eine Zeitabkürzungsmaschine zu bauen, um die Fliegenzeitrechnung zu besiegen. Für alle, die eine solche Maschine besitzen.
Für alle, die wissen, dass der Zufall die Welt beherrscht. Für alle, die ihn trotzdem nicht fürchten.
Für alle, die wissen wollen, wie es den Motoren gelungen ist, die wahre Geschwindigkeit der Welt unsichtbar zu machen. Für alle, die sich nach der Zeit zurücksehnen, als die Landschaft stillstand, wenn man aus dem Fenster blickte.       
Für alle, die bei einem Blick auf die Uhr den hinkenden Zwerg entdecken, der sich langsam im Kreis dreht und vor dem es trotzdem kein Entkommen gibt.
Für alle, die den Zauber lernen wollen, der alle Geschichten erzählt, ohne ein Wort zu vergessen. Für alle, die diesen Zauber bereits beherrschen.
Für alle, die das Geheimnis kennen, wie die Farbe in die Welt gekommen ist. Für alle, die beitragen, sie ein bisschen bunter zu machen.
Für alle, die ein schlimmes Unglück getroffen hat und nichts so geblieben ist, wie es war. Für alle, die trotzdem ihre Zuversicht nicht verloren haben.
Für alle, die davon träumen, eines Tages eine Geschichte zu sein, die um die Welt reist.
Für alle, die Bücher lieben.
Die Liste ließe sich unendlich lang fortsetzen. Vielleicht klingt vieles tatsächlich zu fantastisch, um wahr zu sein.   
Ich behaupte nicht, dass sich in jener Nacht alles genauso abgespielt hat. Ich weiß nur, dass es drei Arten von Geschichten gibt. Geschichten, die tatsächlich passiert sind.  Geschichten, die wahrscheinlich klingen. Und Geschichten, die sich so unglaublich anhören, dass sie niemand für möglich hält.
Das Urteil darüber, in welche Kategorie die Geschichte fällt, die durch das offene Fenster in mein Schlafzimmer stieg und sich an meine Bettkante setzte, überlasse ich anderen.
Als ich ein Kind war, träumte ich davon, eines Tages mit eigenen Augen zu sehen, was die Geschichten sehen. 
Die Stimme, die mich nachts aus dem Schlaf flüsterte, hat meine Sehnsucht erfüllt. Sie hat meine Suche mit der Freude belohnt, die in jedem Finden innewohnt.

Wie alles begann

An die erste Begegnung mit ihr verbinde ich nur noch eine vage Erinnerung. Ich glaube nicht, nach ihr gesucht zu haben. Sie tauchte aus dem Nichts in meinem Kopf auf.
Am Beginn unserer Bekanntschaft genügte es ihr, in meinen Gedanken Unfug zu treiben. Als ich anfing, sie in den Schubladen wechselnder Schreibtische unterzubringen, zeigte sie keinerlei Missfallen daran.
Mit den Jahren änderte sie ihre Meinung. Sie fand die Aussicht, immer am gleich Ort bleiben zu müssen, langweilig. Mir klingt heute noch ihre Stimme im Ohr, als sie mir ihren Wunsch anvertraute. 
<Ich bin nicht für die Schublade geschaffen.>, schüttete sie ihr Herz vor mir aus.            
<Ich möchte eine Geschichte sein, die um die Welt reist.>
Auf meine Zweifel, ob ich der Richtige für diese Aufgabe sei, zuckte sie nur mit den Schultern.
<Ich finde mir keinen Besseren dafür.>, antwortete sie.
Nach langem Zögern gab ich ihrem Drängen nach.  Unter ihren strengen Augen schrieb ich all die Dinge und Ereignisse auf, die ich mit ihr erlebt hatte.  
Nachdem meine Arbeit beendet war, öffnete ich das Fenster vor meinem Schreibtisch und warf die vollgeschriebenen Blätter in den nächstbesten Wind.
Ich habe keine Briefmarke geklebt und keine Adresse aufgeschrieben. 
Der Wind, der die Geschichte fortgetragen hat, nannte kein Ziel. Er wehte von Ost nach West und flog nach Irgendwo. Ich weiß nicht, wo ihr Reise endete.
Der Wind ist ein launischer Charakter. Oft wird er seiner aufgelesenen Begleiter bereits nach wenigen Straßenzügen überdrüssig. Dann findet man sie in den Wipfeln eines nahen Baumes wieder. Oder sie tauchen im Garten des Nachbarn auf. Aber manchmal weht der Wind die Dinge, die man ihm anvertraut bis jenseits des Horizonts und weiter fort.
In meinem Herzen lebte die Hoffnung, dass sich ein Sturm ihrer annimmt und ihr Traum, eine Geschichte zu sein, die um die Welt reist, eines Tages in Erfüllung geht. 
Über viele Jahre hing ein Bild von ihr über meinem Schreibtisch.  Es entstand in den Tagen unserer ersten Begegnung.
Als sie mir von ihren Reiseplänen erzählte, habe ich es von der Wand genommen und heimlich in ihren Koffer gepackt. So hat sie ein Bild von sich zur Hand, wenn sie auf der Reise in die Verlegenheit gerät, ihre Herkunft beweisen zu müssen. Ein Abzug davon liegt diesen Zeilen bei, um allfälligen Verwechslungen und Missverständnissen vorzubeugen.
Sollte Ihnen die Geschichte zu Ohren kommen, erweisen Sie mir den Gefallen und schenken Sie ihr einige Minuten Ihrer kostbaren Zeit. Seien Sie nachsichtig mit den Unzulänglichkeiten, die Sie bei ihr entdecken.  Die Verantwortung liegt allein in meinen begrenzten Fähigkeiten, ihren Ansprüchen gerecht zu werden.
Schreiben Sie mir, an welchen Orten Ihnen die Geschichte begegnet ist. Vielleicht findet sich Gelegenheit, mir ein Souvenir von ihr zu schicken. Ich freue mich über jede Nachricht, die mich wissen lässt, dass es ihr gut ergeht und sie wohlauf ist.

Ein letzter Nachsatz

Beim Abschied quälte mich die Sorge, ob es nicht zu ihrem Besten wäre, die Geschichten für mich zu behalten und in einer Schublade meines Schreibtisches zu verschließen. Für einen Augenblick erschien es mir verantwortungslos, sie schutzlos dem Hohn und Gelächter der hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefinger und mitleidigen Stimmen auszusetzen. 
Die Geschichte ließ meine Zweifel nicht gelten. Sie stupste mich ungeduldig in die Seite und deutete auf einen Vogel, der hoch oben am Himmel kreiste mit dem Wind unter seinen Flügeln und der grenzenlosen Weite vor sich.
<Was immer das Schicksal für den kleinen Vogel bereit hält.  Keine Liebe kann größer sein als die Liebe, die ihm seine Freiheit schenkte.>, sagte sie. 
Ihre Zuversicht schenkt mir die Hoffnung, dass sich ihr Traum erfüllt. Denn nicht jeder Fisch wird an einem Haken aus dem Wasser gezogen. Nicht alle Schmetterlinge verschwinden im Schnabel eines Vogels. Und die allermeisten Mäuse entkommen dem Hunger der Katzen.
Bon voyage, mein tapferes Zirkuskind.